Bürsten

Links im Bild sehen wir einen Zahnbürstenkopf auf einem weißen Seidentuch, ein zweite Bürste schiebt sich von rechts ins Bild. Nach kurzem Beschnuppern beginnen die Bürsten sich gegenseitig zu Bürsten, und das geschieht mit eindeutig zweideutigen Bewegungen, bis das Paar ermattet in die Laken sinkt. Begleitet wird die Szene von Vogelgezwitscher. [zum Video]

Cheek to Cheek

Wir sehen ein Frauen- und ein Männergesicht in Nahaufnahme. Die Gesichter des Paares sind so eng aneinandergedrückt, das gerade eben Mund, Nase und Kinn im Bildausschnitt zu sehen sind. Kein Ton. Zwangsläufig richtet der Zuschauer die Aufmerksamkeit auf die Kleinigkeiten, die es zu sehen gibt: Nasenflügel blähen sich, die zwei Münder verziehen sich abwechselnd, die Lippen zucken und öffnen sich. Nacheinander tritt erst die eine, dann die andere Zunge hervor. Die Zungen tasten, suchen, strecken sich und finden sich schließlich gegenseitig. Nach kurzer Berührung ziehen sie sich wieder zurück. Die Münder schließen sich. Die Frau schürzt die Lippen.

Der kurze Experimentalfilm zeigt einen Filmkuss ganz besonderer Sorte. Hier ist nichts von erotischem Kribbeln zuspüren; oder von Innigkeit, untermalt mit elegischer Geigenmusik. Dieser Kuss gerät zu einem leidenschaftslosen Abtasten zweier fleischiger Hautlappen. In distanzloser Genauigkeit ist der Zuschauer gezwungen, die feucht glänzende Spucke, wulstige blaue Adern und unreine Poren wahrzunehmen. Der Blick der Kamera zerlegt in Einzelheiten. Zunächst erscheinen die Gesichter vertraut menschlich, dann beginnt etwas zu kippen. Diese Begegnung menschlicher Zungen wird in zunehmendem Maße artfremd, ja abstoßend. Ein humorvoller Blick auf die eigene Spezies der leichtes Grummeln in der Magengegend verursachen kann. [zum Video]

Urlaubslandschaft

Duftig weißverschneite Gipfel, saftige Wiesen im Sonnenschein vor entferntem Gebirge, Sandstrand am Meer mit kristallklarem Wasser unter endlos blauem Himmel: drei Fotografien von Urlaubsidylle zeigen. In der Landschaft fotografiert sind jeweils Paare im Partnerlook, einträchtig genießende Protagonisten im Urlaubsparadies.
In der Vorstellung tritt man trotz übertriebener Süßlichkeit des Sujets gerne an die Stelle derer, deren flüchtiges Urlaubsglück hier festgehalten ist. Aber Moment, mit wem identifiziert sich eigentlich da der Betrachter? Ein nüchterner Blick ruft zurück, sind die Schneetouristen doch zwei Johannisbeeren, die vermeintlichen Bergwanderer Mandarinenschnitze und die braungebrannten Sonnenanbeter an der See zwei Stachelbeeren. Die Schneelandschaft enttarnt sich als Angorapullover, eine Welle als Stück Frischhaltefolie und die saftige Wiese als Spannbetttuch.
Lässt man sich von den Bildern einfangen, nimmt man an etwas Teil, das an ein Kinderspiel erinnert: wie in der kindlichen Vorstellung entkommen die Dinge hier ihrem eigentlichen Zweck und werden zu Wesen, mit denen man fühlt. Als Sujet erlaubt ist in diesem Verwandlungsspiel alles, was die Sinne reizt: mal ist es fürchterlich innig und idyllisch, wie in den vorliegenden Arbeiten, mal wird brutal zerstört. Grundvoraussetzung damit das Spiel stattfinden kann ist, dass Material vorhanden ist, das im Umgang Lust bereitet. Lust bereiten kann es durch Farbe, die haptischen Eigenschaften oder dadurch, dass es zum Handeln einläd, wie es eine Dose mit Rasierschaum tut, die geleert werden möchte.
Das Foto hält fest, was im Spiel mit den Dingen entsteht. Trotzdem haben die Bilder wenig dokumentarischen Charakter. Indem sie Objekt, Installation oder die Endprodukte einer Aktion zeigen stehen sie der Bildhauerei nahe. Der durch den Sucher eingeschränkte Blick erlaubt es aber, die Dinge zu animieren: Im Gegensatz zur Installation kann im Foto genau festgelegt werden, in welchem Winkel man Beispielsweise die Fruchtnabe einer Beere sieht, damit sie so wirkt wie ein Gesicht. Die Nahaufnahme ermöglicht darüber hinaus winzigkleine Dinge zu inszenieren. [zu den Bildern]

rote Tücher

In der vorliegenden Arbeit wird der Betrachter Zeuge eines Spiels: Die Künstlerin fotografiert sich selbst mit roten Spannbetttüchern in einem Badezimmer. Dabei befindet sie sich gleichzeitig vor und hinter der Kamera. Während des Fotografierens verbiegt sie sich bis zur Schmerzgrenze und erreicht, dass ihre Beine, Füße oder eine Hand ins Bild hineinragen. Sie macht im wörtlichen Sinne einen 'Schritt' ins Bild. Im Bild werden die Gliedmaßen anatomisch verwirrend autonom. Sie agieren mit den roten Spannbetttüchern und der Ausstattung des Badezimmers, wie Wanne, Waschbecken, Duschkopf oder gekachelter Wand. Raum und Mobiliar verändern dabei ihren Charakter und finden eine neue Bestimmung: Der Stuhl wird zur Behausung, der Wasserhahn zu einem Wesen mit langem Hals, der Duschkopf erhält ein gaffendes Gesicht.
Die elastischen roten Tücher sind gespannt, faltig hingeworfen oder drapiert. Einmal sind sie schützendes Dach und weiche Decke, ein anderes Mal lassen sie eine fleischige Höhle und Blutlachen assoziieren. Im Changieren zwischen süßlicher Heimeligkeit und Brutalität entwickelt sich eine unangenehme Spannung. Ein intimes, bittersüßes Spiel, von dem die Bilder Zeugnis ablegen.
Der Umgang mit dem Raum unterstützt diese Atmosphäre: Der Bildausschnitt ist jeweils so gewählt, dass sich der Raum als Ganzes nicht erschließen lässt. Dem Betrachter fehlt der Überblick. Er weiß nicht, was außerhalb des Blickfeldes noch lauert. Der nicht sichtbare Raum wird zur Projektionsfläche seiner eigenen Vorstellung.
Die Fotografien sind auf unterschiedlichen Höhen und - gemessen an ihrer Größe - weit auseinander gehängt. Diese Art der Präsentation zwingt den Betrachter, sich zu bewegen. Um genauer zu sehen, muss er gehen, den Kopf neigen, die Knie beugen, sich recken. In seiner Bewegung vollzieht er die Bewegung der Fotografin und den Neigungswinkel der Kamera nach. Er bewegt sich zum Motiv hin, kommt ihm nahe. [zu den Bildern]

Gemüse

Wir sehen eine Gruppe von fünf Tomaten, die sich erst formiert und dann einen Reigen tanzt. Als nächstes erscheinen zwei Kaffeetassen, die für die mittlerweile übermütigen Tomaten als Spielobjekte herhalten. Die Stimmung bleibt vergnügt, bis zwei dicke Auberginen auftauchen und die Heiterkeit vertreiben. Sie besetzen die Tassen und trotten aus dem Bild, gefolgt von der nun ganz artigen Schar von Tomaten.
Die Stimmung im Film wird vom Dur- und Moll-Charakter der Variationen von Mozart über das Thema: 'Ah, vous dirai-je, Maman' KV 265 - die gleiche Melodie wie Morgen kommt der Weihnachtsmann - getragen. [zum Video]

Innigkeitsgrazionsmüdchen (Püppchen)

Wir sehen zwei Plastikpüppchen, die sich einander zuwenden und Kontakt aufnehmen. Dann kommt zusätzlich Knete ins Spiel. Wie Ohrfeigen landen zunächst kleine Kneteklumpen in Rot auf dem Mund des Puppenjungen und in Blau auf den Augen des Puppenmädchens. Bei jedem Schnitt werden die beiden Puppen durch die Knete etwas weiter behindert, am Kopf, an den Geschlechtsteilen, an den Armen, bis sie schließlich beide nur noch rote oder blaue Masse sind. Nun werden die beiden zu einem Ball verknetet.
Die Musik zum Film stammt in Teilen von Marc Hollis. [zum Video]

Maybe Sunday, maybe Monday maybe not (Maybe)

Wir sehen einen roten Lackstuhl in der Totale. Etwas schepprig beginnt im Raum ein Jazz Song zu spielen. Dann betreten zwei Finger mit leuchtend Rot lackierten Nägeln den Stuhl wie eine Bühne. Als Beine einer alternden Showdame mit roten Schuhen balancieren die Finger auf der Stuhllehne, lassen sich nieder, werden übereinandergeschlagen, ergehen sich in der Stimmung, die die melancholische Jazzmusik vorgibt. Dann taucht die Hand als ganzes auf, spaziert auf der Oberfläche des Stuhles entlang, geht auf und ab und untersucht die verschiedenen teile des Stuhls. Es scheint als suche sie etwas - oder viel mehr jemanden?!
Die Kameraeinstellung bleibt im ganzen Film unverändert. Die Wahrnehmung der Hand verändert sich jedoch. Zum einen spielt die Hand die Hand einer Frau, die jemanden sucht und den Stuhl dafür substituiert. Zum anderen verstehen wir die Hand als Sinnesorgan, das den Stuhl ertastet. Und schließlich ist die Hand ein Teil des Körpers der Künstlerin, die hier spielt und deren sinnliche Körperpräsenz man fühlt, obwohl man nicht mehr sieht als eine Hand.
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Tuben

Wir sehen zwei Fäuste, die jeweils eine Zahnpastatube umschließen. Nach und nach quillt rot-weißgestreifte Zahnpasta aus den Tuben, und wickelt sich in dicken Würsten umeinander. Der Bildausschnitt füllt sich immer weiter mit Zahnpasta, bis die Tuben, erschöpft, wie man als Betrachter interpretiert, innehalten.
Die Musik trägt die Stimmung des Geschehens: Wie hören zum Film ein Stück aus Henry Mancini´s Baby-Elefant Walk. [zum Video]

Pressemitteilung

Projekt Schaukasten Augusten 100
Eröffnung 21.11.03, 19.00 Uhr.

Der Schaukasten ist abgeklebt. Durch Guckfenster in unterschiedlicher Höhe wird der Blick auf Paare von Gegenständen aus dem täglichen Gebrauch freigegeben. Wie durch den Sucher einer Kamera wird das Blickfeld eingeschränkt und damit gezielt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf Details gelenkt: Paare von Kaugummis, Haken, Stöpsel, Tuben und Tüllen werden hier zu lebendigen Wesen. Sie nehmen Kontakt zueinander auf, sinnen in stiller Eintracht oder sind innig vereint.
Zunächst überwiegt eine Atmosphäre süßlicher Idylle. Auf den zweiten Blick verändert sich die Stimmung. Die Situation bekommt etwas Voyeuristisches, schließlich sind es Paare, die der Betrachter da durch Guckfenster beobachtet. Dabei wird er zum Zeugen einer Beziehung, die unter Zwang entsteht. Die zu Wesen gewordenen Gegenstandspaare können sich hinter den Fensterchen der Zweisamkeit genauso wenig entziehen wie den Blicken des Betrachters.

Gegenstände zu Wesen mit Seele zu animieren spielt in den Arbeiten von Corinna Claassen, deren Medium neben Installation und Video vor allem die Fotografie ist, eine zentrale Rolle: Blumen werden verarztet, eine Invasion von Pepperonis fällt über Tortenstücke her und Beeren machen Strandurlaub. Durch den begrenzten Blick des Suchers und die Nahaufnahme gelingt es, dem Betrachter eine humorvoll kindliche Sichtweise nahe zubringen, die die gesamte Dingwelt zu Wesen macht, mit denen man fühlt.